Pflege von Eltern – Ich bereue nichts

Pflege von Eltern – Ich bereue nichts

Die Pflege und Begleitung von Eltern im hohen Alter kann auch ohne körperliche Pflegearbeit eine Herausforderung für ein Kind sein. Nach meiner Erfahrung finden die seelische Belastung und der erhebliche zeitliche Aufwand des Pflegenden gesellschaftlich nur wenig Aufmerksamkeit und Anerkennung.

Zehn Jahre lang habe ich meine Eltern (93 J./ 92 J.) alleine im Elternhaus begleitet, wodurch sie lange in ihrem gewohnten Umfeld leben konnten. Durch unverarbeitete Kriegserfahrungen hatten sie sich emotional verschlossen. Sie schenkten uns Kindern wenig seelische Nähe, drückten aber ihre Zuneigung durch praktische Unterstützung aus. Meine vier Geschwister haben sich aus verschiedenen Gründen schweigend aus der Pflegeverantwortung verabschiedet, wodurch ich die elterliche Betreuung fast alleine getragen habe.

Die Begleitung meiner Eltern stellte einen schleichenden Prozess dar. Er begann zunächst mit kleinen Hilfestellungen und führte später in eine Dauerbegleitung. Zahlreiche für viele nicht sichtbare Aufgaben bestimmten meinen Alltag: Einkauf, schwerere Arbeiten im Haus und Garten, Arztbesuche, Medikamentenbe- und versorgung, Begleitung bei Krankenhaus- und Kuraufenthalten, Badrenovierung, Teilnahme an Gottesdiensten, Verwandtschaftsbesuche, Spaziergänge, Trost- und Beruhigungsgespräche, Behördengänge, Fahrten zur Tagespflege, sämtliche Büroarbeiten, Bankgeschäfte etc.

Eine regelmäßige weitere Anreise zum Elternhaus (Entfernung 70 Km) vergrößerte den Zeitaufwand der Betreuung erheblich. In den letzten Jahren hegte meine Mutter wegen ihrer psychischen Angstzustände Selbstmordgedanken und rief mich deswegen als einzigen Ansprechpartner täglich und auch nachts sehr oft an, um Entspannung zu finden. Die Sorge um das Wohl meiner Eltern und die damit verbundene seelische und arbeitsmäßige Belastung wurde am Arbeitsplatz fast gar nicht wahrgenommen und berücksichtigt. Ich stellte fest, dass Kolleginnen, die ihre kranken Kinder betreuten, deutlich mehr Zuwendung erfahren.

Insgesamt schränkte mich die Betreuungsarbeit über viele Jahre deutlich in meiner Freizeitgestaltung und Kontaktpflege zu Freunden ein. Das schlechte Gewissen (das Verpflichtungsgefühl) gegenüber den Eltern auf der einen Seite und der Wunsch nach freier Gestaltung des eigenen Lebens auf der anderen Seite standen und stehen in einem ständigen Spannungszustand. Gespräche mit Freunden und Kollegen zeigten mir, dass ich mit dieser Erfahrung nicht alleine bin und gaben mir insoweit auch Trost.

Die Betreuungsarbeit meiner Eltern hat meinen Erfahrungshorizont, der sich lange Zeit nur auf Büroarbeit beschränkte, erheblich erweitert. Ich bereue deswegen nichts. Wegen dieser Erfahrungen kann ich die Gefühlsstimmung von pflegenden Angehörigen, die sich in einer ähnlichen Situation wie ich befinden, sehr gut nachempfinden.

Autor: Christoph Könning

Möchten Sie uns auch Ihre Geschichte und Erfahrungen zur „Pflege zu Hause“ mitteilen? Dann schicken Sie uns gerne eine E-Mail an: brief@zuhause-pflegen-nrw.de

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